Diabetischen Folgeerkrankungen an den Füßen der Diabetes-Patienten wird hoffentlich besonderes Augenmerk geschenkt. Die Hände werden leider oft vergessen bei den Untersuchungen. Dr. Bernd Liesenfeld sagt, warum man mehr darauf achten sollte.
Würden wir auf allen Vieren laufen, fiele es uns häufiger auf. Auf Veränderungen der Füße bei Menschen mit Diabetes und aufrechtem Gang richten wir unser besonderes Augenmerk und forschen nach den Ursachen in und um die Schuhe herum. Wir tasten Knochenvorsprünge und beurteilen die Stellung der Zehen im Stehen oder beim Gehen, lassen uns Zeit beim Aufspüren von Fehlstellungen. Allein die Hände der Patienten, obwohl der klinischen Untersuchung wesentlich näher, entgehen oft unserer Aufmerksamkeit. Wir nehmen Sie vielleicht als Unterstützung gesprochener Worte deutlicher wahr, aber sie sind selten Gegenstand einer eingehenderen Untersuchung.
Erst beim Betrachten der mitgebrachten Glukoseprofile fallen gelegentlich Spitzen nach Cortisongaben oder plötzliche Erhöhungen des Insulinbedarfs auf, die unser Interesse wecken. Nicht selten berichten Menschen mit Diabetes von "schnellenden Fingern", "eingefrorenen Schultern", "tauben Händen" oder der zunehmenden Unfähigkeit, den Deckel eines Glases aufzuschrauben. Auch die Handhabung eines Insulinpens kann zunehmend schwerer fallen. Während wir geneigt sein könnten, dies dem Alter oder einer anderen Begleiterkrankung zuzuschreiben, so übersehen wir doch nicht zu selten ein dahinterstehendes Problem, welches besonders nach langer Diabeteslaufzeit im Alter zwischen 40 und 70 Jahren häufiger auftritt: das diabetische Handsyndrom. Betroffen sind vor allem Menschen mit langjährigem Typ-1-Diabetes. Die oft immobilisierenden Schulterprobleme betreffen bei langer Laufzeit mehr als die Hälfte der Patienten und haben oft schwerwiegende berufliche Konsequenzen. Ich erinnere mich an einen 50-jährigen Physiotherapeuten, der seinen Beruf aus ebendiesem Grund aufgeben musste.
Weitere Diagnosen dieses Formenkreises sind die Dupuytren‘sche Kontraktur, der Schnappfinger, das Karpaltunnelsyndrom, das ulnare Entrapment oder die Arthrose des Daumengrundgelenks. Menschen mit Typ-2-Diabetes zeigen die gleichen Phänomene und zudem besonders häufig die sogenannte Cheiroarthropathie, welche als schmerzlose Einschränkung der Beweglichkeit der Fingergrundgelenke mit dem sogenannten "Beterzeichen" auffällt, also die Unfähigkeit, die Handflächen flach aufeinander zu legen ohne dass ein deutlicher Spalt zu sehen wäre. All diese Veränderungen finden sich zwar auch in der Allgemeinbevölkerung, jedoch in einem deutlich geringeren Umfang. Ähnlichkeiten mit rheumatischen Erkrankungen führen oft zu Fehldeutungen oder Übertherapien.
Grundlage dieser diabetestypischen Spätschäden sind in jedem Fall langjährige Hyperglykämien mit chronischen Entzündungen, die zu Verhärtungen der betroffenen Sehnen- und Bindegewebsarchitektur führen. Externe Fehl- oder Überbelastungen verstärken die Tendenz zu Sehnenverkürzungen und Engpasssyndromen. Die Koinzidenz mit der diabetischen Polyneuropathie ist auffällig und weist auf gemeinsame Wurzeln des Hand- und Fußsyndroms hin. Frühzeitige Identifikation, die Einleitung physiotherapeutischer Maßnahmen und eine optimale Stoffwechselkontrolle können das Fortschreiten aufhalten und somit Autonomie durch ein selbstbestimmtes Leben unserer Patienten erhalten. Die notwendigen Therapien (z.B. die Handhabung des Insulinpens) können Sie dann länger eigenständig umsetzen.
Aber auch operative Maßnahmen können in schweren Fällen weiterhelfen. Beim diabetischen Fuß haben wir uns an das biomechanische Konzept der Wiederherstellung der Funktion durch innere oder äußere Entlastung mittels Orthesen oder auch Operationen gewöhnt. Auch die Hand ist einer orthetischen Versorgung oder operativen Versorgungen zugänglich. Schienungen des Handgelenks oder des Daumengrundgelenks können leichte Einschränkungen ausgleichen. Wie bei der Tenotomie der Zehenbeugesehnen können nadelgeführte Durchtrennungen von Faszien an der Hand (Dupuytren) oder des Ringbandes der Finger (Schnappfinger) deutliche Verbesserungen der Mobilität erreichen. Die Untersuchung der Hand sollte, ähnlich wie beim Fuß, in die regelmäßige Vorsorge von Menschen mit Diabetes aufgenommen werden. Kommt also der gute alte Handschlag wieder in Mode? Falls dies der Hygiene abträglich sein sollte, hier ein Tipp: die Messung der maximalen Kraft zum Faustschluss mittels eines preiswerten Hand-Dynamometers korreliert gut mit der Entwicklung von diabetischen Spätschäden wie auch mit der Lebenserwartung. Schlag ein.
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Erschienen in: Diabetes-Forum, 2025; 37 (6) Seite 5
