Standardisiert, aber nicht einheitlich: Von Röhrchenfarben bis Maßeinheiten sorgt fehlende Harmonisierung für Fehler, Mehraufwand und Unsicherheit. Das sollte sich ändern!

Ist in der Medizin nicht schon alles standardisiert, was man regeln kann? Brauchen wir nicht weniger Bürokratie? Ja, und wir sollten uns endlich auf einheitliche Standards einigen. Denn was uns täglich im Labor begegnet, ist zwar standardisiert, aber alles andere als einheitlich. Beispiele gefällig?

Teströhrchen bunt gemischt – muß das sein?

Die Kappen von Entnahmeröhrchen für Blut und andere Körperflüssigkeiten sind farbcodiert. Diese Farben helfen nicht nur bei der raschen Auswahl des richtigen Röhrchens bei der Abnahme, sie codieren auch die Sortierung durch Laborautomaten. Dazu ist natürlich eine Standardisierung erforderlich. Und genau da ergibt sich ein scheinbar unlösbares Problem. Es gibt nicht eine, nicht zwei sondern drei Standards. Einen alten und einen neuen europäischen Standard und einen US-Standard. Welcher zur Anwendung kommt, entscheidet das Labor.

Wenn man also, wie unsere Praxis, mit mehreren Laboren zusammenarbeitet und dazu noch Studien durchführt, hat man oft drei Röhrchen zur Auswahl, so ist z.B. Lithium-Heparin-Gel entweder mit orange, dunkelgrün oder hellgrün codiert.

Eine Verwechslung der Röhrchen bei Abnahme führt im besten Fall dazu, dass die Probe nicht abgearbeitet wird, im schlechtesten Fall erhält man ein falsches Ergebnis. Dazu kommen ein erhöhter Aufwand bei der Einarbeitung neuer Mitarbeiter, höhere Logistikkosten, Zeitverlust…

Warum legt man sich nicht auf einen Standard fest? Objektive Gründe, die dagegen sprechen, kann ich nicht erkennen. Nach der einmaligen Umstellung, die strukturiert erfolgen kann, werden Kosten und Zeit eingespart. Der logistische Aufwand bei den Herstellern vermindert sich dramatisch, die Kosten für die Materialbeschaffung könnten sinken.

Ich weiss, dass dies keine Aufgabe für den Gesetzgeber ist, aber ich verstehe nicht, warum sich Labore und Hersteller nicht auf einen verbindlichen Standard einigen und die Kunden bei der erforderlichen Umstellung unterstützen.

Laborwerte – jeder erfindet seine eigene Abkürzung

Ganz wild geht es bei der Befundübermittlung zu. Jedes Labor hat seine eigene Abkürzung für einzelne Tests. Zu allem Überfluss kann man dazu auch noch hauseigene Kürzel definieren. Das verhindert sehr effektiv nicht nur einen Datenaustausch, auch die Suche nach alten Werten in einer Patientenakte kann zu einem schwierigen Unterfangen werden. Schade, dass es da keinen Standard gibt. Oder? Es gibt einen, LOINC. Aber das Gewohnte aufgeben, nur weil die Amerikaner einen weltweit gültigen Standard entwickelt haben? Wo doch die ePA eh‘ nicht durchsuchbar ist. Wer macht das schon. Wer? Zum Beispiel unsere Nachbarn in Österreich. Die haben im Zuge der Einführung der ePA (die dort ELGA heißt und gut funktioniert) auch diesen Standard eingeführt.

Ist ein Blutzucker von 25 lebensbedrohlich? – Vielleicht!

Im Alltag ist uns der korrekte Gebrauch von SI-Einheiten geläufig, und auch wenn beim Fleischer immer noch pfundweise eingekauft wird, die Schreibweise dafür ist kaum noch jemandem bekannt (1 = 0,5 kg). In der Medizin ist die Umstellung von "konventionell" auf "SI" allerdings nur halb erfolgt. Die Regeln des Internationalen Einheitensystems (SI) sind zwar rechtsverbindlich (EinhZeitG), korrekt umgesetzt werden sie jedoch nicht. Das wäre relativ egal, wenn es nur den akademischen Bereich beträfe, aber dann wenn Meßwerte für die Anpassung einer Therapie benötigt werden, und diese Anpassung durch den Patienten erfolgt, dann sollten allein aus Gründen der Patientensicherheit einheitliche Maßeinheiten verwendet werden. Ob ein Blutzuckerwert von 25 akut lebensbedrohlich ist, bleibt unklar, solange die Maßeinheit nicht bekannt ist (25 mg/dl = 1,4 mmol/l; 25 mmol/l = 450 mg/dl).

Die Einheit mg/dl (Milligramm pro Deziliter) ist keine SI-Einheit, ebenso wie die alte Einheit mg%. Das Problem liegt darin, dass beide Bestandteile – "Milligramm" und "Deziliter" – zwar abgeleitete Einheiten im SI-System sind, aber sie entsprechen nicht direkt den SI-Basiseinheiten. Im SI-System ist die Basiseinheit für die Masse das Kilogramm (kg) und für das Volumen der Kubikmeter (m³), als abgeleitete Einheit für Volumen ist auch der "Liter" anerkannt.

Ein Deziliter ist ein Zehntel eines Liters, das Milligramm ein Tausendstel eines Gramms, das wiederum ein Tausendstel des Kilogramms ist. Die korrekte Darstellung ist daher nicht mg/dl sondern kg/m3 oder auch g/L. Mit den resultierenden Zahlenwerten läßt sich im Alltag schlecht arbeiten. Die andere Möglichkeit, Laborwerte SI-konform anzugeben ist die Verwendung der Einheit mmol/L (entspricht mol/m3). Dabei sind (wenn man von der zulässigen Verwendung der Einheit L statt m3 absieht), keine Kompromisse erforderlich.

Daher wäre es angebracht, künftig zunächst in Fachpublikationen, Vorträgen etc. auf Angaben in mg/dl zu verzichten und stattdessen einheitlich mmol/l zu verwenden.

Während die Problematik mg/dl vs. mmol/L eine ganze Reihe von Laborparametern betrifft, gibt es noch ein spezifisch diabetologisches Einheiten-Dilemma.

HbA1c – Alles beim Alten lassen, weil‘s schön bequem ist?

Der Verhältniswert HbA1c wird traditionell in % Hämoglobin angegeben. Die Referenzmethode nach NGSP (National Glycohemoglobin Standardization Program) ist die HPLC. Um eine bessere Vergleichbarkeit verschiedener Ergebnisse zu ermöglichen, hat die IFCC (International Federation of Clinical Chemistry and Laboratory Medicine) mit einem chemisch reineren Standard eine Referenzmethode entwickelt, die für alle HbA1c-Bestimmungen aus menschlichem Vollblut gilt. Da mit dem IFCC-Referenzsystem numerisch niedrigere Werte ermittelt werden als mit NGSP-Methoden, wurde zum Ausschluss von Verwechslungen und Fehlinterpretationen für die neue Methode die Einheit [mmol/mol Hb] anstelle von [%] festgelegt. Hierbei liegen die Zahlenwerte um etwa eine Zehnerpotenz höher. Diese Angabe entspricht auch den Vorgaben des SI-Systems und ist nach der RiLi-BÄK verbindlich. Dennoch wird sie kaum genutzt.

Für die Umrechnung der Werte gilt:

GMI [%] = 3.31 + 0.02392 3 [mittlere Glukose in mg/dl].

GMI [mmol/mol] = 12.71 + 4.70587 3 [mittlere Glukose in mmol/l].

Eine zusätzliche Hürde, auf die Verwendung der %-Angaben zu verzichten stellt sich bei Patienten, die ein CGM-System verwenden. Hier hat sich die Angabe des Glukose-Management-Indikators (GMI) etabliert, einem Parameter, welcher aus den Messungen des Sensors einen erwarteten HbA1c-Wert (in %) beschreibt und als reiner Zahlenwert angegeben wird.

Die Berechnung folgt dabei folgender Formel:

HbA1c [mmol/mol] = (HbA1c [%] – 2,15) × 10,929

HbA1c [%] = (HbA1c [mmol/mol] )/10,929 + 2,15

Im Zuge einer Harmonisierung wäre daher zunächst zu fordern, dass in AGP-Profilen standardmäßig beide Zahlenwerte angegeben werden.

Wir sollten uns darauf besinnen, das Deutschland einmal gerade durch die Einführung von verbindlichen Vorgaben und Regeln in der Produktion aber auch in der Ausbildung Standards gesetzt hat. Wir sollten uns die Arbeit erleichtern und von unseren Laboren genau das fordern: einheitliche Materialien ohne Verwechslungsgefahr, einheitliche Maßeinheiten und eindeutige Benennung der Parameter.

Der letzte Schritt kann nahezu sofort umgesetzt werden, die andren brauchen ein wenig Vorbereitung. Aber es ist an der Zeit, endlich anzufangen.


Autor:
© privat
Für den Vorstand
Toralf Schwarz
Vorsitzender BVND


Erschienen in: Diabetes-Forum, 2025; 37 (6) Seite 48-49