Jonas Laaser berichtet von seinen Erfahrungen und Gedanken als "Jung"-Diabetologe.

Ein Flugzeug zu fliegen und jedes Manöver von Start bis Landung perfekt auszuführen, ist eine großartige Leistung. Fliegen ist eine bedeutende Errungenschaft der Menschheit, aber ob nach jedem Linienflug ein Applaus angebracht ist, da scheiden sich die Geister.
Eine exzellente Ausbildung – gepaart mit viel Erfahrung – ist etwas, das man sich für den eigenen Flug von den Pilot:innen wünschen würde. Selbstverständlich wird hier mit Checklisten, regelmäßigen Kontrollen und der Einhaltung von Ruhezeiten gearbeitet, um die Sicherheit zu gewährleisten. Es kommt aber auch während des Fluges immer wieder zu Situationen, auf die Pilot:innen reagieren können müssen.
Ein unfassbar hilfreiches Tool ist etwa der Höhenmesser. Je nach Wetterlage oder Tageszeit ist die Sicht eingeschränkt und die Pilot:innen sollten wissen, ob das Flugzeug es über die Alpen schafft, ob die Landung im aktuellen Abstiegstempo zu schaffen ist und ob Anpassungen zu stark oder schwach ausfallen. Jetzt stellen Sie sich vor, dass die Pilot:innen auf Ihrem nächsten Urlaubsflug in die Karibik diese Information über die aktuelle Flughöhe während des 12-stündigen Flugs nur etwa viermal erhalten und nicht wissen, ob die Anpassungen dazwischen adäquat sind. Stellen Sie sich vor, Ihre Pilot:innen fliegen fast ausschließlich auf Sicht. Das mag oft gut gehen, und die meisten Flüge führen nicht durch das Auge des Sturms über das Bermuda-Dreieck. Schön wäre es auch, wenn das Fliegen ohne Sensorik und Autopilot beherrscht wird, falls Technik ausfällt. Aber ich persönlich fühle mich sicherer, wenn ich weiß, dass der Profi im Cockpit diese moderne Unterstützung hat, um mich sicher ans Ziel zu bringen.
Wenn Menschen mit Diabetes morgens in den Tag durchstarten, sind viele exzellent ausgebildet und sehr erfahren im Umgang mit Therapie und dem Flug durch den Tag. Sie wissen, wie sie Alltag, Ernährung und Bewegung managen müssen, um die Berge des Alltags, Zuckerspitzen, Stressstürme und auch mal "minderwertigen" Treibstoff zu kompensieren. Jetzt stellen Sie sich vor, diese Menschen könnten auf diesem Flug die aktuelle Höhe des Zuckers nur wenige Male aufwendig messen und wüssten gar nicht so recht, ob die Anpassung adäquat funktioniert. Stellen Sie sich weiterhin vor, dass sie fast ausschließlich auf Sicht, Vorerfahrung und "Gefühl" durch den Tag kommen. Das mag oft gut gehen, und die meisten Tage sind nicht voll mit stürmischen Workouts, Stress und erschreckend hochkalorischen Bermuda-Tortilla-Dreiecken. Schön wäre es auch hier, wenn das Fliegen auf Sicht – ohne CGM und AID – beherrscht wird, falls mal alles an Technik ausfällt.
Pilot:innen durchlaufen ein langes und hartes Auswahlverfahren für diesen verantwortungsvollen Beruf. Die Technik ist in diesem Job nicht mehr wegzudenken, und niemand würde sich in eine Klapperkiste für den transatlantischen Flug setzen. Menschen mit Diabetes haben sich die Erkrankung nicht ausgesucht, und das "Auswahlverfahren" ist eine Mischung aus u.a. Genetik, Umwelteinflüssen und sozialen Faktoren. Anders als bei Pilot:innen gibt es keine Ruhezeiten zur Gewährleistung der Sicherheit. In den Schwerpunktpraxen versuchen wir, diese Pilot:innen der AirDiab bestmöglich zu schulen, um sie auf den täglichen Flug vorzubereiten. Warum sollten wir auf die Sensorik (CGM) und "Autopiloten" (AID) verzichten? Kennen wir uns als "Ausbilder:innen" vielleicht nicht mehr gut genug mit dem neuesten A320 aus, um das detailliert vermitteln zu können?
Manchmal geht es mit Turbulenzen auf Hoch- oder Tiefflug. Ich würde mich sicherer fühlen, wenn Profis im Cockpit der AirDiab diese moderne Unterstützung an Bord haben. Vielleicht sollten wir überlegen, ob dieser Flug durch den Tag nicht auch mal einen Applaus verdienen könnte.


Autor:
© Dirk Michael Deckbar
Dr. med. Jonas Laaser
Hamburg


Erschienen in: Diabetes-Forum, 2025; 37 (6) Seite 28